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Bolivien-1 (halbiert für Gagga)

Route #31: Escoma – Achacachi – La Paz – (Pampascamp – Rurrenabaque) – La Paz

Unsere “Einreise” nach Bolivien verläuft erst einmal sehr unspektakulär, wir passieren im Niemandsland den Grenzstein …

… und kämpfen uns auf einer steinigen Gravelroad am Titicacasee entlang,

bis wir das Örtchen Puerta Acosta erreichen, wo wir zur Migración müssen, um unseren bolivianischen Einreisestempel zu bekommen. Leider ist gerade Mittagspause. Der Beamte ist beim Essen und kommt erst um 14:30 Uhr wieder. Na gut, wir sind ja auch hungrig, haben aber leider noch keine Bolivianos. Wider Erwarten macht das aber gar nichts, die nette Köchin im Comedor gegenüber nimmt unser Geld zum offiziellen Wechselkurs von 1:2. Super nett! Beim Grenzbeamten später bekommen wir nur noch 1:1,7. Aber es gibt hier keine Geldautomaten und wir brauchen Bares. Wir versuchen, diese erstmalige Abzocke an einer amerikanischen Grenze schnell abzuhaken und setzen unsere “Tour de Titicaca” fort.

Toller Fußballplatz mitten in der Einöde

 

Als wir nachmittags gegen 16:30 Uhr im Etappenziel Escoma ankommen, ist es schon empfindlich kühl. Die erste Hospedaje, die wir aufsuchen, öffnet aber erst um 18:00 Uhr, so lange wollen wir nicht wartend frieren. Wir fragen herum und werden zu einer weiteren Unterkunft geschickt, die von außen überhaupt nicht als solche erkennbar ist. Vergeblich klingeln und klopfen wir, niemand öffnet. Die Frau im Laden nebenan ist so nett und zeigt uns den Weg zum Lädchen der Hospedaje-Besitzerin Doña Gregoria. Eine Dame so um die 60 Jahre. Als wir sie nach einem Zimmer fragen, reagiert sie äußerst unwillig, sie könne doch jetzt ihren Laden nicht verlassen! Wir schauen uns verständnislos an, ob sie denn nicht vermieten wolle? Ein Zimmer koste 50 Bolivianos (7,5 US $) und Alkohol dürfe dort nicht konsumiert werden. Irgendwie kriegen wir sie dann doch dazu, ihren Laden kurz zu verlassen und uns ihre Hospedaje aufzuschließen. Zehn Minuten später stehen wir vor unserem Zimmer, die Doña versprüht schnell massenhaft Orangenraumduft, zupft die zerwühlten Bettdecken mäßig glatt, übersieht großzügig den Krümelhaufen auf dem Nachttisch und den übervollen Mülleimer. Nein, eine Dusche gibt es nicht, ebenso keinen Zimmerschlüssel, nur einen für das Gartentor, aber hier sei es ja sicher. Dann möchte sie noch unsere Reisepässe als Pfand für ihren Schlüssel, aber die geben wir natürlich nicht aus der Hand. Wir diskutieren hin und her. Erst Claudias großes Indianerehrenwort erweicht die Doña, dann verzichtet sie auf unsere Pässe. Ihre ganze Sorge gilt jetzt ihrem Schlüssel, sie müsse doch morgen auf ein Familientreffen fahren – könne sie den Schlüssel um 8:30 Uhr bei uns abholen? Na logo, kein Problem – scheinbar beruhigt zieht sie von dannen … während wir glückselig im sonnengewärmten Zimmer Bier trinken und kochen. Morgens warten wir vergeblich auf unsere Doña Gregoria, Michel fährt ihr schließlich den Schlüssel zum Laden, wo sie ungeniert auf Kunden wartet …

Zur Mittagspause heute hören wir schon von weitem Fiestalärm, wir werden nicht enttäuscht!

Mühsam schieben wir unsere vollbeladenen Räder durch die Menschenmenge und müssen ständig anhalten, Hände schütteln, Fragen beantworten und für Selfies posieren … bis wir endlich ein wenig Ruhe am Essensstand finden und gekochten Fisch mit Kartoffeln bekommen. Im Hintergrund erleichtern sich die männlichen Festbesucher völlig ungeniert an der Lehmmauer und langsam fließt der Urinstrom Richtung unserer Sitzbank. Ein tolles “Restaurantambiente”, aber das Essen war wirklich sehr lecker!

Bevor uns die gelbe Brühe über die Füße läuft, setzen wir unsere Reise nach Achacachi zu unserem Couchsurfinghost Milton fort. Er betreibt das lokale Hallenbad und hat gerade eine Zahnoperation überstanden. Hier verbringen wir einen netten Abend in lustiger Reisegesellschaft und kochen für alle.
¡Muchas gracias a Milton por su hospitalidad y mantenemos los dedos cruzados para que pueda comenzar su propio viaje en bicicleta pronto! (v.l. Milton, Kyrill, Miltons Freundin, Ismael)

Auf dem Weg nach La Paz erhaschen wir noch einen letzten Blick auf den Titicacasee.

Kurze Zeit später schweben wir samt Reiserädern in der “Teleferico” über “El Alto”, der riesigen Vorstadt, die auf der Hochebene direkt an La Paz angrenzt.

Der Blick von El Alto hinunter in den Talkessel von La Paz ist gigantisch!

hinab ins Zentrum

Blick hinauf nach El Alto

Der Illimani (6.462 m), der Hausberg von La Paz, ist weithin sichtbar.

Fassadenkunst

Eine der Touristenattraktionen der Stadt ist der Hexenmarkt (Mercado de las Brujas), hier kann man von richtigen “Hexen” alle nötigen Utensilien erstehen, um Götter gnädig zu stimmen, Menschen zu beeinflussen oder Wünsche ins Universum zu senden.

Getrocknete Lamaföten …

… und Lamababys stellen in allen Variationen einen wirksamen Schutz gegen das Böse dar.

Wie wird man denn zur Hexe, fragen wir den Tourguide und er antwortet: indem man entweder 
a) von einer Hexenfamilie abstammt,
b) einen Blitzschlag überlebt hat, oder
c) die Hexenschule Boliviens absolviert hat. Alles klar.

In den Läden sowie an den Straßenständen gibt es alle möglichen Geld-, Konzentrations-, Dominanz-, Potenz- und Beliebtheitspülverchen, sowie tausende von Glückssteinen & Götterfiguren,

um den “Mesa de Challa”, den traditionellen Opferteller zu bestücken.

Wir erleben live, wie sich Menschen im Laden beraten lassen und ihren “Teller” zusammenstellen. Normalerweise enthält er Zucker, einen Lamafötus, Schokolade, Glitzer, Kunstgeld etc., dann wird alles mit Alkohol übergossen und angezündet. Geopfert wird z.B. zur Hausweihe, oder im August, wenn die Göttin “Pachamama” (die indigene Erdmutter) ihren Mund öffnet und gefüttert werden will, ebenso an Neujahr. Oder wenn man eben einen Wunsch hat. Viele Menschen folgen heute noch diesen Traditionen, selbst der aktuelle Präsident Evo Morales glaubt daran, ganz telegen, wird uns versichert.

Das hier ist “Ekeke”, der Gott des Überflusses – er raucht gerne, deswegen bekommt er immer eine Zigarettenspende!

El mundo es muy pequeño – auf dem Hexenmarkt treffen wir zufälligerweise Bärbel und Franz, mit denen wir eigentlich erst zum Abendessen verabredet waren – Bärbel, Carina, Florian und Franz (v.l.).


Doch weiter auf unserer Tour durch diese quirlige Stadt. Überall gibt es Straßenverkäufer, dieser hier knüpft Armbänder mit Namen darauf.

Das grüne Kreuz (links vom Fenster) in der berühmten Jaen-Straße in La Paz sollte einer unheimlichen Erscheinung in der Gasse ein Ende bereiten: der “barfüßigen Witwe”, die männliche Passanten an die Hand nahm, welche dann tagelang verschwanden und völlig verwirrt am anderen Ende der Stadt wieder gefunden wurden.

In der selben Gasse begann am 16. Juli 1809 die Revolte für die Unabhängigkeit von der spanischen Krone. Heute reiht sich ein Souvenirladen an den nächsten. Uninteressant.

Spannender sind die Geschichten, die sich um das Gefängnis “San Pedro” ranken. Es umfasst genau einen Straßenblock im Herzen der Stadt und wurde für 600 Insassen ausgelegt. Inzwischen ist es aber mit bis zu 2.300 Personen “gefüllt”, ganze Familien wohnen hier.

Der Knast besitzt zwar Wärter, wird aber in der Hauptsache von seinen Insassen geführt, erzählt man uns. Es gibt ein Fußballfeld, einen Pool und 6 Wohnsektionen, in denen die Insassen “Miete” bezahlen müssen und in denen es auch Restaurants und WiFi geben soll.
Bis vor einigen Jahren führte man Touristen (!) durch das Gefängnis, aufgrund einiger beunruhigender Vorkommnisse wurde dieses Sightseeing endlich eingestellt. Im Buch “Marching Powder” berichtet Rusty Young von seinen Erlebnissen in diesem Knast, er ließ sich für einige Monate freiwillig einsperren. Das Buch ist in Bolivien angeblich verboten. https://www.youtube.com/watch?v=p9B-t5Fa6Zw

La Paz ist schon irgendwie ein Hingucker!

Abends sind wir immer sehr hungrig! Heute probieren wir Bratwurst gefüllt mit Rind, Huhn & Spinat, sowie Schwein (v.l.) – richtig gut!

Wir wohnen ganz zentral im “Casa de Ciclista” von Christian und haben sogar ein eigenes Zimmer für uns – welch ein Luxus! Hier treffen wir Gott und die Welt: Shanti aus Kanada, der schon seit einem Monat versucht, sein Motorrad zu reparieren. Heike und Ludwig aus Deutschland, die uns empfangen und abends in ein nettes Restaurant begleiten. Unseren verrückt- lustigen Brasilianer Victor, der zwar zauberhaft kocht, aber ungern putzt und mit Arturo, dem spanischen Fotografen nach Alaska radeln will. Ariane und Samuel aus der Schweiz, Emma aus Schweden, Jochen aus Deutschland, Antonio und Luzero aus Mexiko, Juan Pablo aus Kolumbien (er spielt täglich Klarinette vor den Touristencafes, um seine Weiterreise zu finanzieren), Claudio aus Italien und noch so einige mehr. Alle in einer Wohnung: 1 Matratzenlager, 2 Zimmer, Küche, kleines Wohnzimmer, 1 Bad für alle. Christian der Eigentümer verlangt 20 Bolivianos p.P. am Tag, ca. 6 US$ für uns beide. Günstig für La Paz. Putzen und Ordnung halten ist Sache der Bewohner. Wir putzen viel und sind Ariane unendlich dankbar, dass sie uns mit der “Desinfektion” des Badezimmers zuvorkommt. Ist immer so: nur wenige putzen, viele verschmutzen. Abends haben wir aber alle viel Spaß zusammen.

Am 6.Tag machen wir mit Samuel, dem Schweizer, einen Ausflug zum “Valle de las Animas”, einer sehr interessanten Felsformation. Im Hintergrund sieht man den Kessel von La Paz – oben an der Hangkante liegt El Alto.

Wir wandern das Tal weit hinauf,

genießen Natur und Ausblicke.

Tags darauf brechen wir zu einem Fahrradabenteuer auf. Wir wollen mit unseren Rädern den “Camino de la Muerte” – die Straße des Todes hinunter.

Wollen wir es wirklich wagen?

Im Klartext heißt das Abfahrt pur: vom “La Cumbre” auf 4.650 m zunächst 30 km/1.400 Hm auf der neu gebauten Straße bergab …

… dann folgen weitere 31 km/2100 Hm auf z.T. übler Schotterpiste.

Achtung – hier herrscht Linksverkehr, damit die Fahrer besser am Abgrund manövrieren können!

Wir werden von vielen Amateur – Mountainbikern überholt, die mit ihren Tourgruppen im Pulk abfahren. Neidisch wünschen wir uns sehnlichst unsere (gefederten) Mountainbikes her, auf den Reiserädern macht’s nur halb so viel Spaß!

Mit Ratna und Patrick hatten wir uns ein privates Begleitfahrzeug gemietet, um unsere An- und Abreise bequemer zu gestalten. Danke euch zwei, war eine gelungene Aktion!

Und noch einen weiteren Trip gönnen wir uns: eine 14-Stunden Busfahrt nach Rurrenabaque, um von dort aus die “Pampa” zu besichtigen. Ein erster Schreck ereilt uns noch vor Beginn der Busfahrt, denn unsere Gondel bleibt einige Minuten stehen – oje, wenn das jetzt länger dauert, verpassen wir unseren Bus.
Das zweite Aha-Erlebnis haben wir, als wir unseren voll (über)ladenen Bus sehen …

… weitere Vorräte stapeln sich in seinem Bauch und auf leeren Sitzen! Kurz bevor wir tatsächlich pünktlich abfahren(!) erfährt Claudia, dass es keine Toilette an Bord gibt – aber 3 Pinkelpausen! Immerhin!
Um aus La Paz heraus zu kommen, steht ein Helfer auf dem Dach und hebt die Stromkabel an, damit unser Gefährt nicht hängen bleibt! Gleich nach 5 Minuten bleibt der Bus stehen und der Fahrer hämmert irgendwie am Bus herum … au Backe!

Irgendwie überstehen wir diese Fahrt, aber als uns der Bus morgens in Rurrenabaque ausspuckt, sind wir schon ziemlich lädiert. Ein Frühstück im French Café weckt unsere Lebensgeister,  es gibt leckere Croissants, dann folgt Teil 2 der Anfahrt: 60 km mit dem Auto über eine Schlammpiste nach Santa Rosa. Mit dem Entern der Kanus beginnt endlich unser “tierisches” Pampas-Abenteuer!

Wir entdecken jede Menge Zweibeiner …

… bevor wir total verfroren an unserer Lodge ankommen. Es hatte vor unserer Ankunft tatsächlich geregnet, die Temperaturen sanken. Mit einem Kälteeinbruch hatten wir ja so gar nicht gerechnet!

Hier seht ihr unser bescheidenes Domizil, die anderen 6 Teilnehmer*innen mussten sich in ein Gemeinschaftszimmer quetschen!

Später erkunden wir die Vierbeiner der Gegend …

Michel, der Affenflüsterer

nächtlicher Voyeur an der Toilettenwand

Sonnenbad

Wasserschwein (Capybara)

Piranha

9 Angler*innen – aber nur 7 Fischlein

Krokodil (schwarze Kaimane gab es auch)

Am nächsten Tag vertrauen wir zu 100% unserem Guide “Rambo”,

der uns auffordert, in einer Flussbiegung mit den rosa Flussdelfinen zu schwimmen!

Sie werden uns angeblich vor den Krokodilen, Kaimanen und Piranhas schützen. Mal sehen!

Recht hatte er, wir haben’s überlebt und suchen am nächsten Tag noch die Anakonda in der vom Regen durchweichten Pampa.

Aber natürlich ist es der Würgeschlange hier im Nassen viel zu kalt, somit müssen wir uns anderweitig vergnügen,

wie z.B. mit diesen Spritzknospen!

Unerwarteterweise lauert hier sogar ein kleines Krokodil!

Hola Rambo alias Ainar, eres un gran tipo, mantente como estás, ¡como guía turístico te recomendamos encarecidamente!

Zurück in Rurrenabaque setzt man uns ahnungslos vor dem geruhsamen Flugplatz ab,

doch innen herrscht ziemlicher Aufruhr!

Wir erfahren, dass unser Rückflug nach La Paz wegen eines Unwetters am Vortag(!) auf den nächsten Tag verschoben wurde! Heute fliegen die Passagiere von gestern. Aber heute ist doch gutes Wetter, was können wir dafür?
Da hilft keine Diskussion, keine Beschwerde im Headquarter und es gibt auch keine Entschädigung für die zusätzlich anfallenden Kosten … hier ist das dann einfach so!

Startbahn im Busch

über dem Dschungel

kurz vor La Paz

Landeanflug

Die Thermik hatte es in sich!

Wir verweilen noch ein paar Tage im Casa de Ciclista. Claudia rüstet kältetechnisch nach und kauft auf dem riesigen Wochenmarkt von El Alto ein. Eine Jogginghose und Stulpen aus Lamawolle sollen gegen die nächtliche Kälte im Zelt/Schlafsack helfen.

partielle Sonnenfinsternis am 2.7.19

Wer wissen will, was wir weiter erlebt haben in Bolivien, der möge sich ein wenig gedulden. Hasta pronto!

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2 Gedanken zu „Bolivien-1 (halbiert für Gagga)

  1. Danke für den mal wieder tollen und sehr interessanten Reisebericht. Weiterhin alles Gute und passt auf Euch auf…..
    Asta la vista…..bi zum nächsten mal

  2. Hallo ihr beiden !!!
    Ich verfolge eure Reise mit Interesse und Begeisterung.
    Schöne Bilder und coole Texte
    Alles Gute weiterhin.
    Mit den Zähnen alles ok ??
    Herzliche Grüße
    Richard Seitz, Zahnarzt

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